2026-08-02
Mitte des 19. Jahrhunderts gelangten italienische Verfahren zur Abnahme von Wandmalereien zunehmend nach Deutschland. Solche Maßnahmen kamen dann zum Einsatz, wenn Gebäude vom Abriss bedroht waren.
In Sachsen setzte Hermann Prell sich als einer der ersten für die Rettung von Wandmalereien ein und arbeitete eng mit dem Maler und Restaurator Ermenegildo Antonio Donadini zusammen. Donadini war mit italienischen Techniken zur Wandmalereiabnahme vertraut, insbesondere dem “strappo”- und “stacco”-Verfahren. Bei diesen Verfahren wird eine Wandmalerei von ihrem ursprünglichen Träger (mit oder ohne Mauerbestandteil) gelöst, um sie an einem anderen Ort zu sichern und zu erhalten. Zwei bedeutende Projekte zeigen, wie diese Techniken eingesetzt wurden.
Das Römische Haus in Leipzig
Ein zentrales Beispiel für Prells Engagement ist die Rettung der Wandmalereien im Römischen Haus in Leipzig, insbesondere des Odysseus-Zyklus von Friedrich Preller. Die ausführliche Diskussion um den Erhalt dieser Werke begann bereits 1903. Prell überzeugte die Königlich Sächsische Kommission Donadini mit der Abnahme zu betrauen. Trotz kontroverser Debatten, ob der Eingriff aufgrund der verwendeten Maltechnik überhaupt möglich sei, wurde die Ablösung 1904 erfolgreich durchgeführt. Die Technik des “stacco a massello” wurde angewendet, wobei die Malerei und Teile des Mauerwerks gemeinsam herausgelöst wurden. Die einzelnen Bildfelder auf einer 5 cm dicken Putz- und Ziegelschicht wurden nach dem Transport im Treppenhaus der Universitätsbibliothek angebracht, wo sie während der Luftangriffe zerstört wurden.
Der Festsaal des Brühlschen Palais in Dresden
Ein weiteres Beispiel ist die Abnahme des Deckengemäldes Der Sieg des Bellerophon über die Chimäre von Louis de Silvestre aus dem Festsaal des Brühlschen Palais in Dresden. Das Palais sollte abgerissen werden, und die Königlich Sächsische Kommission zur Erhaltung der Kunstdenkmäler sorgte dafür, dass das Gemälde erhalten blieb. Die Abnahme wurde 1900 unter der Leitung von Donadini durchgeführt. Dabei wurde das Bild mit einer eigens entwickelten Technik gesichert, in 51 große Teile zerlegt und später in der Aula der neuen Kunstgewerbeschule wieder eingesetzt. Donadini restaurierte es vor Ort, indem er alte Übermalungen und Firnis entfernte sowie Fehlstellen retuschierte. Das Werk wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.
Die Beispiele zeigen, wie intensiv restauratorisches Wissen bereits im 19. Jahrhundert über Ländergrenzen hinweg ausgetauscht wurde. Parallelen finden sich auch in der Gemälderestaurierung. Während meiner Promotion über Hermann Prell fand ich diesen Aspekt besonders spannend, da mein eigener Schwerpunkt auf der Restaurierung von Gemälden auf Leinwand, Tafeln und Pappe liegt. Die genannten Abnahmetechniken kommen auch heute noch zum Einsatz, wenn architekturgebundene Kunstwerke, wie Malereien und Mosaike, durch Abriss oder tiefgreifende Umbau bedroht sind.
Historische Aufnahmen der Wandmalereien nach der Translozierung:
Louis Silvestre (der Jüngere): Sieg Bellerophons über die Chimäre, 1751/1760↗
Friedrich Preller (der Ältere): Wandbilder nach Szenen aus der Odyssee, 1832/1834↗
Literatur:
Silke Beisiegel: „Ich verfolgte damals alle malerischen Mittel“ Kunsttechnologische Forschungen zum Werk des Historienmalers Hermann Prell (1854–1922), online↗.

Silke Beisiegel - 13:16 @ Restaurierung