2026-05-03
Im 19. Jahrhundert kann man schon fast von einer Begeisterung für Temperafarben sprechen. Zu dieser Zeit wurden verschiedene Rezepte und Produkte als Tempera bezeichnet, die nicht alle der Definition↗ entsprechen. Die große Auswahl an Fabrikaten und Rezepten ist in den letzten Jahren in verschiedenen Veröffentlichungen↗ vorgestellt worden.
Darunter bietet die Forschung zu Hermann Prell (1854–1922) und dessen schriftlicher Nachlass einen detaillierten Einblick in die Temperamalerei um 1900. Der Historienmaler setzte sich intensiv mit historischen und zeitgenössischen Maltechniken auseinander und reflektierte diese sowohl für seine eigenen Arbeiten als auch im Austausch mit anderen Kunstschaffenden.
In der Restaurierungspraxis ergänzen die aus der Quellenauswertung gewonnenen Erkenntnisse die Untersuchung von Kunstwerken und die Analysen von Proben. Zudem lassen sich anhand der notierten Versuche Materialentscheidungen der Künstler nachvollziehen und Rückschlüsse auf die Werkstattpraxis ziehen. Weiterhin macht der Austausch von Materialien und Vorgehensweisen den Wissenstransfer unter Kunstschaffenden sichtbar, wovon auch die kunsthistorische Forschung profitiert.
Prells Sammlung von Temperarezepten
Hermann Prell verwendete Temperafarben sowohl für Wandmalereien als auch für Staffeleigemälde. Diese Arbeitsweise bildet die Grundlage für sein ausgedehntes Interesse, das sich in den 220 Einträgen zu Rezepten in den erhaltenen Dokumenten widerspiegelt. Die Einträge umfassen sowohl selbst hergestellte Mischungen als auch Hinweise auf käufliche Farben und Grundierungen.
Ein Schwerpunkt liegt auf den selbst hergestellten Rezepten. Da Mengenangaben meist fehlen, erfordert bereits die Einordnung nach Hauptbestandteilen eine interpretative Annäherung. Die Auswertung der Notizen zeigt deutlich, dass für Farben Ei der am häufigsten verwendete Bestandteil in den Bindemittelmischungen war, gefolgt von Kasein. Für Grundierungen diente überwiegend Proteinleim als Basis.
Unter den käuflichen Temperasorten wurden besonders häufig die Produkte der Firmen Hermann Neisch & Co. in Dresden sowie von Fritz Gerhardt und Richard Wurm genannt. Auch die persönliche Anpassung der industriellen Produkte durch die Künstler ist auch dokumentiert.
Bemerkenswert sind Prells Bewertungen von Rezepten und Produkten nach eigenen Versuchen, deren Aussagekraft im Einzelfall begrenzt ist.
Ursprung der Rezepte
Die Temperarezepte gehen häufig auf den Austausch mit Künstlern wie Carl Gussow, Fritz Gerhardt, Carl Kappstein, Hans von Marées und Arnold Böcklin zurück. Auch Dekorationsmaler werden als Quelle genannt, was die enge Verbindung zwischen Tempera und dekorativer Malerei unterstreicht. Darüber hinaus notierte Prell Passagen aus Malerhandbüchern und historischen Traktaten, darunter Cennino Cenninis Libro dell‘arte. Dessen Rezeption sowie das Interesse an Hans von Marées und Arnold Böcklin prägten seine Auseinandersetzung mit Eitempera.
Zugleich erklärt die Bedeutung der Wandmalerei in Prells Schaffen seine Beschäftigung mit Kaseintempera und den entsprechenden Produkten von Unternehmen wie Neisch & Co. und Fritz Gerhardt. So gestaltete er Raumbereiche, in denen kein Fresko möglich war. In solchen Situationen verwendete Hermann Prell auch Kaseintempera für großformatige Leinwandgemälde, die anschließend auf die Mauer geklebt wurden.
Der für den Künstler wichtige Bezug zu den Alten Meistern erklärt auch den Austausch mit Restauratoren über Maltechnik und den Erhalt von Kulturgut, unter anderem über die Verwendung von Temperafarbe.
Prells schriftlicher Nachlass eröffnet der kunsttechnologischen Forschung konkreten Zugang zur maltechnischen Praxis um 1900 und verdeutlicht dabei sein Netzwerk sowie die Rezeption von Rezepten, Fabrikaten und deren Anwendung. Eine systematische Dokumentation der Rezepturen, geordnet nach Bindemittelsystemen, ist in meiner Dissertation↗ zu finden.

Silke Beisiegel - 19:59 @ Material und Technik