2026-04-05
Wer stellte Künstlerfarben her und wie gelangten sie in die Ateliers? Die Entwicklung der Farbenfabrikanten im 19. Jahrhundert ist eng mit der Industrialisierung verbunden, die in Deutschland etwas später einsetzte als in Großbritannien.
Ein vollständiger Überblick über die Pigment-, Farbstoff- und Lackfabriken in Deutschland liegt bislang nicht vor. Einigkeit besteht darüber, dass dieser Sektor im 19. Jahrhundert stark wuchs. Gleichzeitig bleibt die Abgrenzung zwischen Herstellern und Händlern oft unscharf. Die steigende Zahl beider Gruppen belegt das Branchenwachstum bis ins 20. Jahrhundert.
Für die maltechnische Forschung sind die Hersteller und Händler besonders aufschlussreich, da sie Einblicke in das Netzwerk aus Produktion, Handel und Kunstschaffenden geben. Die Farbmittel wurden einerseits am Arbeitsort beschafft und waren somit an regionale Herstellungsweisen und Qualitäten gebunden. Andererseits bestanden durchaus auch globale Handelswege für Rohstoffe und Endprodukte.
Von der Apotheke zur Großfabrik
Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert konnten Künstler*innen Pigmente und andere Materialien in Apotheken erwerben, wie Preislisten belegen. Entsprechende Forschungsergebnisse sind online↗ zugänglich. Um 1800 verlagerte sich die Produktion zunehmend in kleinere Mühlen und Manufakturen. Der Einsatz von Maschinen führte zu einer industriellen Produktion, und ab etwa 1850 entstanden schließlich größere, zentrale Fabriken.
Zwischen 1780 und 1860
Annik Pietsch listet für Berlin zwischen 1783 und 1851 insgesamt 130 Hersteller auf, darunter vor allem Farbfabrikanten und -händler, aber auch Pinselhersteller und Grundierer. Die a Tabelle im Anhang mit Quellen und Produkten verdeutlicht, wie dicht das Netzwerk der Anbieter zu dieser Zeit bereits war.
Kristina Mösl ordnet dem Werk von Caspar David Friedrich (1774–1840) 29 Firmen zu, viele davon in Dresden. Apotheken spielten zwar zunehmend eine untergeordnete Rolle, blieben jedoch bis zum frühen 20. Jahrhundert für die Kunstschaffenden relevant. Nicht zuletzt, weil sie Produkte nach den individuellen Anforderungen der Künstler anfertigten.
Von 1860 bis 1930
Im späten 19. Jahrhundert brachten Unternehmen Malsysteme auf den Markt: aufeinander abgestimmte Komplettpakete aus vorgrundierten Bildträgern, Farben, Malmitteln und Lacken. Künstler*innen konnten ihre Arbeiten damit vollständig innerhalb eines Produktsystems eines Unternehmens realisieren. Die dahinterstehende Strategie wirkt überraschend modern. Für die Restaurierung stellt sich dabei die Frage, welche Folgen Fehler innerhalb solcher Systeme für die langfristige Erhaltung der Werke haben.
Für die Zeit um 1900 wurde eine Liste von rund 30 Firmen und ihren Produkten veröffentlicht, die Temperafarben industriell herstellten, überwiegend in Deutschland. Die Zusammenstellung von Produktbezeichnungen, bekannten Inhaltsstoffen und den Firmen kann dabei helfen, Künstlerangaben in Quellen besser zu verstehen und auch den Erhaltungszustand von Kunstwerken zu beurteilen.
Eva Eis kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Zahl der Pigment- und Farbstofffirmen zwischen 1904 und 1931 auf 395 Hersteller verdreifacht hat. Sie verweist dabei auf die Veröffentlichungen von Gustav Schultz, der ab 1888 die gängigen Farbmittel und ihre Hersteller systematisch erfasste. Ihr Buch ist zudem reich mit Abbildungen von Werkzeugen und Maschinen ausgestattet.
Auch wenn diese Zahlen eindrücklich sind, bilden sie vermutlich nur einen Teil des Gesamtbildes ab. Einige Aspekte, wie etwa Verbindungen zwischen Herstellern, Kunstakademien oder Künstlern, wurden bereits in Publikationen angerissen. Gleichzeitig bleibt noch Raum für weitere Forschung.
Literatur
Karoline Beltinger, Jilleen Nadolny (Hrsg.): Painting in Tempera, c. 1900, 2016.
Eva Eis: Die “Farben Recepte” der Firma Heinrich Wiesel. Transkription der Rezeptsammlung eines Farbenfabrikanten aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert, 2020.
Kristina Mösl: Mönch am Meer und Abtei im Eichwald. Forschungen zur Maltechnik Caspar David Friedrichs, 2020.
Annik Pietsch: Material, Technik, Ästhetik und Wissenschaft der Farbe 1750–1850, 2014.

Silke Beisiegel - 22:04 @ Material und Technik