2026-01-11
Die Gemälde von Oskar Zwintscher (1870–1916) unterscheiden sich nicht nur stilistisch, sondern auch in ihrem technischen Aufbau deutlich voneinander. Gerade diese Vielfalt machte die Auseinandersetzung mit seinen Arbeitsprozessen zu einer der spannendsten Aufgaben der letzten Jahre.
Im Rahmen des Forschungsprojekts Das unbekannte Meisterwerk der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden koordinierte ich die kunsttechnologischen Untersuchungen an 17 Gemälden und wertete die Ergebnisse aus. Im Zentrum stand die Frage, wie der Künstler arbeitete und wie sich seine Bildfindung im Material nachvollziehen lässt. Dabei erwiesen sich zwei Erkenntnisse als zentral: Die Zeichnung spielte auch in seiner Malerei eine tragende Rolle und viele Kunstwerke wurden während ihrer Entstehung mehrfach grundlegend verändert.
Arbeitsprozesse sichtbar machen
Dieser kreative Arbeitsprozess ließ sich nur durch die Kombination verschiedener Untersuchungsmethoden nachvollziehen. So halfen beispielsweise die Röntgenaufnahmen und Infrarotreflektografien, die unter die sichtbare Malerei blicken lassen, die Entstehung seines Selbstbildnisses von 1904 zu verstehen. Der Künstler übermalte die Fliesen im Hintergrund und verkleinerte das Format, während er die Armhaltung korrigierte. Ergänzend machten Spektralaufnahmen ein verdecktes florales Muster im Hintergrund sichtbar, das sich mit etablierten Untersuchungsverfahren allein nicht erfassen ließ. In diese Methode hatte ich mich eigenständig eingearbeitet und sie im Rahmen des Projekts erstmals in der Gemälderestaurierungswerkstatt angewendet. Die mikroskopische Untersuchung zeigte, dass ein goldfarbenes Metallpulver wohl zur Akzentuierung des Musters eingesetzt worden war.
Die enge Zusammenarbeit mit der Hochschule für Bildende Künste Dresden ermöglichte zudem Untersuchungen an Gemälden aus anderen Sammlungen. Ebenso beinhaltete das gemeinsame Projekt zwei Seminararbeiten sowie eine maltechnische Studie des Selbstbildnisses. Besonderes Interesse fand Zwintschers differenzierter Einsatz von Schwarztönen. Eine Seminararbeit widmete sich daher der Frage, wie Schwarztöne um 1900 mit und ohne Schwarzpigmente erzeugt wurden.
Parallel dazu führte ich an Gemälden im Dresdner Bestand die für die Ausstellung erforderlichen konservatorischen Maßnahmen durch, darunter die Malschichtfestigung und Oberflächenreinigung.
Ausstellung und Publikationen
Die Ergebnisse flossen in die Ausstellung Weltflucht und Moderne. Oskar Zwintscher in der Kunst um 1900 ein, die 2022/23 im Dresdner Albertinum gezeigt wurde. Neben den Gemälden wurden auch ausgewählte Forschungsergebnisse zur Maltechnik präsentiert. Diese wurden durch Malproben zur Erzeugung von Schwarztönen und einen Film↗ zur maltechnischen Studie ergänzt. Sowohl der Ausstellungskatalog als auch der im Jahr 2021 erschienene Bestandskatalog boten einen Überblick über die gewonnenen Erkenntnisse, ließen jedoch wenig Raum für detaillierte kunsttechnologische Analysen. Diese Lücke konnte 2024 mit meinem Fachartikel zur Maltechnik Zwintschers geschlossen werden.
Ein differenzierter Blick auf Zwintscher
Die Auswertung kunsttechnologischer Schriftquellen und materialtechnischer Untersuchungen lieferte neue Erkenntnisse über seine Herangehensweise und die von ihm verwendeten Materialien. Zwintschers Maltechnik folgt keinem einheitlichen Schema und lässt sich auch nicht klar in Phasen gliedern. Ergänzend wurde der Austausch mit Künstlerfreunden diskutiert. Dank der digitalisierten Röntgenaufnahmen lassen sich Zwintschers weitreichende Kompositionsänderungen nun auch online↗ nachvollziehen.
Die gemeinsame Projektarbeit an Zwintschers Werk zeigt exemplarisch, wie materialbasierte Forschung, konservatorische Praxis und Vermittlung zusammenwirken können – ein Ansatz, der auch meine weitere Arbeit prägt. Zudem verdeutlicht Zwintschers vielschichtige Arbeitsweise die direkten Zusammenhänge zwischen Maltechnik, Erhaltungszustand und konservatorischen Entscheidungen.
Die Untersuchung seiner Arbeiten hat, wie auch andere Projekte bestätigt, wie experimentierfreudig die Künstler um 1900 mit Materialien und Techniken umgingen. Es bleibt spannend, welche neuen Erkenntnisse die zukünftige Forschung noch bringen wird.
Veröffentlichungen
Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Andreas Dehmer, Birgit Dalbajewa (Hrsg.): Weltflucht und Moderne. Oskar Zwintscher in der Kunst um 1900, Dresden 2022.
Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Andreas Dehmer, Birgit Dalbajewa (Hrsg.): Oskar Zwintscher im Albertinum, Dresden 2021.
Silke Beisiegel: Vom Suchen und Finden im Malprozess Oskar Zwintschers. In: Zeitschrift für Kunsttechnologie und Konservierung, 37. Jg., Heft 1, München 2024, S. 117–140.

Silke Beisiegel - 22:27 @ Material und Technik, Untersuchung