Dr. Silke Beisiegel
Diplom-Restauratorin für Ihre Gemälde, Rahmen und gefassten Holzskulpturen



BeisiegeLOG: Maltechnik & Restaurierung im Detail


Wie sind Gemälde und Skulpturen entstanden und welche Spuren helfen, den Werkprozess zu entschlüsseln? Wie können Kunstwerke erhalten werden?

In meinem Blog gebe ich Einblicke in die kunsttechnologische Forschung sowie in die Konservierung und Restaurierung von Gemälden und gefassten Holzskulpturen. Dabei geht es sowohl um technische Untersuchungen als auch um praktische Herausforderungen.


Die Beiträge beleuchten für Kunstinteressierte Fragen rund um Materialien und deren Verwendung in Kunstwerken sowie deren Erhaltung.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Kunst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ergänzend wird für alle, die mehr über das Thema wissen möchten, auf weiterführende Fachliteratur, digitale Publikationen und Datenbanken verwi
esen.

 

Stilisierte Darstellung des Blicks durch das Mikroskop: runder Auschnitt zeigt Gemäldedetail



Willkommen bei BeisiegeLOG!

Ich bin promovierte Restauratorin für Gemälde und gefasste Holzskulpturen mit einem Faible für maltechnische Details und die Kunst um 1900.
In meinem Blog verbinde ich Forschung und Praxis – mal sachlich, mal mit einem Augenzwinkern.

Denn die Freude an der Kunst und ihrer Erhaltung begleitet mich durch alle Projekte.


Alle Blogartikel im Überblick: Hier geht es zum Blog-Inhaltsverzeichnis.



Beiträge zu Maltechnik & Restaurierung im Detail

Der nächste Beitrag in diesem Blog erscheint voraussichtlich am 05.10.2026.




2026-08-02

Wie italienische Restaurierungsmethoden um 1900 nach Sachsen kamen

Mitte des 19. Jahrhunderts gelangten italienische Verfahren zur Abnahme von Wandmalereien zunehmend nach Deutschland. Solche Maßnahmen kamen dann zum Einsatz, wenn Gebäude vom Abriss bedroht waren.
In Sachsen setzte Hermann Prell sich als einer der ersten für die Rettung von Wandmalereien ein und arbeitete eng mit dem Maler und Restaurator Ermenegildo Antonio Donadini zusammen. Donadini war mit italienischen Techniken zur Wandmalereiabnahme vertraut, insbesondere dem “strappo”- und “stacco”-Verfahren. Bei diesen Verfahren wird eine Wandmalerei von ihrem ursprünglichen Träger (mit oder ohne Mauerbestandteil) gelöst, um sie an einem anderen Ort zu sichern und zu erhalten. Zwei bedeutende Projekte zeigen, wie diese Techniken eingesetzt wurden.

Das Römische Haus in Leipzig
Ein zentrales Beispiel für Prells Engagement ist die Rettung der Wandmalereien im Römischen Haus in Leipzig, insbesondere des Odysseus-Zyklus von Friedrich Preller. Die ausführliche Diskussion um den Erhalt dieser Werke begann bereits 1903. Prell überzeugte die Königlich Sächsische Kommission Donadini mit der Abnahme zu betrauen. Trotz kontroverser Debatten, ob der Eingriff aufgrund der verwendeten Maltechnik überhaupt möglich sei, wurde die Ablösung 1904 erfolgreich durchgeführt. Die Technik des “stacco a massello” wurde angewendet, wobei  die Malerei und Teile des Mauerwerks gemeinsam herausgelöst wurden. Die einzelnen Bildfelder auf einer 5 cm dicken Putz- und Ziegelschicht wurden nach dem Transport im Treppenhaus der Universitätsbibliothek angebracht, wo sie während der Luftangriffe zerstört wurden.

Der Festsaal des Brühlschen Palais in Dresden
Ein weiteres Beispiel ist die Abnahme des Deckengemäldes Der Sieg des Bellerophon über die Chimäre von Louis de Silvestre aus dem Festsaal des Brühlschen Palais in Dresden. Das Palais sollte abgerissen werden, und die Königlich Sächsische Kommission zur Erhaltung der Kunstdenkmäler sorgte dafür, dass das Gemälde erhalten blieb. Die Abnahme wurde 1900 unter der Leitung von Donadini durchgeführt. Dabei wurde das Bild mit einer eigens entwickelten Technik gesichert, in 51 große Teile zerlegt und später in der Aula der neuen Kunstgewerbeschule wieder eingesetzt. Donadini restaurierte es vor Ort, indem er alte Übermalungen und Firnis entfernte sowie Fehlstellen retuschierte. Das Werk wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.
Die Beispiele zeigen, wie intensiv restauratorisches Wissen bereits im 19. Jahrhundert über Ländergrenzen hinweg ausgetauscht wurde. Parallelen finden sich auch in der Gemälderestaurierung. Während meiner Promotion über Hermann Prell fand ich diesen Aspekt besonders spannend, da mein eigener Schwerpunkt auf der Restaurierung von Gemälden auf Leinwand, Tafeln und Pappe liegt. Die genannten Abnahmetechniken kommen auch heute noch zum Einsatz, wenn architekturgebundene Kunstwerke, wie Malereien und Mosaike, durch Abriss oder tiefgreifende Umbau bedroht sind.

Historische Aufnahmen der Wandmalereien nach der Translozierung:
Louis Silvestre (der Jüngere): Sieg Bellerophons über die Chimäre, 1751/1760
Friedrich Preller (der Ältere): Wandbilder nach Szenen aus der Odyssee, 1832/1834↗ 

Literatur: 
Silke Beisiegel: „Ich verfolgte damals alle malerischen Mittel“ Kunsttechnologische Forschungen zum Werk des Historienmalers Hermann Prell (1854–1922), online↗. 

Blog_titel8.jpg

Silke Beisiegel - 13:16 @ Restaurierung


Immer aktuell informiert: Abonnieren Sie meinen LinkedIn-Newsletter↗ und verpassen Sie keinen neuen Beitrag.