2026-07-04
Ein kleiner Stoß beim Transport oder ein ungünstiger Standort können bereits ausreichen, um die Farbschichten zu beschädigen. Wenn sich die Farbe bereits gelockert hat, können Farbschollen abfallen. Was einmal verloren ist, lässt sich nicht wieder ankleben.
Ursachen für den Verlust
Obwohl ein Gemälde starr wirkt, bewegt es sich ständig. Temperatur- und Feuchteschwankungen führen dazu, dass sich die Materialien ausdehnen und wieder zusammenziehen. Dieses Verhalten wird in einem Video von Prof. Volker Schaible aus dem Jahr 1989 als „Atmen der Bilder“↗ gezeigt.
Da Farbe, Grundierung, Leinwand oder Holz unterschiedlich auf das Klima reagieren, bewegen sie sich nicht im gleichen Maß. Es entstehen Spannungen im Gefüge, die sich als feine Risse in der Farbe, sogenanntes Craquelé, zeigen. Diese Risse sind zunächst nicht zwangsläufig problematisch und gehören zum natürlichen Alterungsprozess.
Mit der Zeit kann jedoch die Haftung der Farbschichten auf dem Untergrund oder auch untereinander nachlassen. Die Farbe geht zunächst in kleinen Bereichen verloren. Es entstehen immer weitere Lockerungen und mehr Fehlstellen. Dieser Prozess wird durch extreme Umweltbedingungen und andere Einwirkungen, wie Stöße und Erschütterungen, beschleunigt. Weitere Einflussfaktoren sind die verwendete Maltechnik und ältere Restaurierungsmaßnahmen.
Erkennen und Handeln
Oft bringen Kund*innen Kunstwerke in mein Atelier, ohne zu bemerken, dass die Farbe bereits locker ist. Diese Lockerung der Farbschicht ist für Laien schwer zu erkennen und meist nur im Streiflicht deutlich sichtbar. Im seitlichen Licht werfen die aufstehenden Farbschollen einen kleinen Schatten. Auch kleine Fehlstellen bleiben häufig unerkannt und werden mit der Zeit größer, bis der Schaden offensichtlich wird. Wenn Farbschichten erst einmal abgefallen sind, ist die originale Substanz unwiederbringlich verloren.
Wird die Sicherung der Malerei frühzeitig ausgeführt, können einerseits flächige Lockerungen und andererseits größere Verluste der Farbe vermieden werden. Je früher gehandelt wird, desto geringer sind Aufwand und Kosten.
Helfende Maßnahmen
Präventive Konservierung kann diese Vorgänge verlangsamen, beispielsweise durch ein möglichst stabiles Raumklima. Eine Verglasung und ein Rückseitenschutz bieten zusätzlichen Schutz vor mechanischen Einwirkungen.
Die gute Nachricht ist: Solange die Farbe noch nicht abgefallen ist, kann die gelockerte Farbschicht wieder mit dem Untergrund verklebt werden. Diese Festigung ist eine der häufigsten Maßnahmen in meiner Arbeit. Sie wird mit einem speziellen, an das jeweilige Kunstwerk angepassten Klebmittel und Methode ausgeführt. Damit wird die lockere Farbe stabilisiert.
Die Festigung gehört zu den Maßnahmen, die später oft nicht mehr sichtbar sind, aber darüber entscheiden, ob die originale Farbschicht erhalten bleibt oder dauerhaft verloren geht. Nach der Festigung kann die ursprüngliche künstlerische Wirkung des Gemäldes auch in Zukunft erlebt werden.
Abb. 1: Risse in der Farbe, die Haftung nimmt ab und erste Fehlstellen entstehen © S. Beisiegel

Abb. 2: fortschreitende Veränderung und Substanzverlust © S. Beisiegel
Silke Beisiegel - 20:51 @ Restaurierung